Santiago
Ehrlich gesagt, viel hat sich nicht geändert. Die Strassen sind immer noch schmutzig, die Busfahrt bezahlt immer noch keiner und die Hunde und Männer verfolgen einen immer noch. Erstere auf Schritt und Tritt, letztere mit lüsternen Blicken und provozierenden Ausrufen.
Die Wände die damals dringend neu verputzt werden mussten und weswegen der Handwerker nächste Woche kommen sollte, sehen noch genau so aus wie vor 2 Jahren und wenn es regnet versinken die Strassen immer im Regenwasser und die Stadt im Chaos.
Irgendwie scheint noch vieles so, wie ich es vor knapp einem Jahr verlassen hatte.
Doch genauso wie sich die weniger prominenten Seiten von Santiago nicht geändert haben, sind die schönen Dinge noch vorhanden. Als ich an meinem 2. Tag auf einen kurzen Besuch in den Kindergarten ging, stürzten sich mir leuchtende Kinderaugen entgegen und der Ruf „La Tia Doro esta de vuelta“ (Tia Doro ist wieder da!) hallte bald durch die ganze Sala.
Mütter umarmten mich mit Tränen in den Augen und fragten mich ob ich nicht wieder ein Jahr bleiben könne und im Kindergarten wurde ich an meinem einen Tag genauso eingespannt wie damals als ich ein Jahr dort arbeitete.
Karoline ist noch genauso aktiv wie vor Jahr und Tag und schwirrt immer noch umher wie eine geschäftige Biene die überall mitmischt und sich viel zu selten ausruht.
Doch auch wenn die Zeit mancherorts nichts und niemandem etwas anhaben konnte, ist mein Leben dieses Mal ein ganz anderes und die wohl grösste Veränderung für mich.
Ich zähle mich zum Beispiel nicht mehr zum Kreis der Freiwilligen sondern gestalte mein Leben ausserhalb dieser Gemeinschaft. Mein Freundeskreis den ich mir so mühsam aufgebaut und versucht habe so gut wie möglich während meines Jahres Abwesenheit zu pflegen besteht glücklicherweise grösstenteils noch und so manch neuer Freund kam hinzu. Obwohl ich noch regelmässiger Gast in dem ein oder anderen Freiwilligenhaus bin, wohne ich in keinem mehr sondern bei Magali, einer lieben Dame die sehr aktiv in Karolines Gemeinde mitarbeitet und mir freundlicherweise ein Dach über dem Kopf und Bett angeboten hat.
Ich arbeite jetzt in der EFPO, den Büros und Verwaltungsgebäude der Fundacion. Meine Tage verbringe ich damit Texte für die Fundacion zu übersetzen, versuchen Spendengelder zusammenzukriegen und Projektanträge an den Staat zu schreiben. Meine Arbeitskollegen im Büro und die Vielfalt der Aufgaben gestalten diese Zeit ganz besonders schön und ich bereue nicht mich hierfür entschieden zu haben.
Damit das Ganze nicht zu bürolastig ist helfe ich Helga zudem noch mit den Problemchen der Freiwilligen. Diese sind wie damals bei uns ganz verschieden. Manchmal geht es nur darum jemanden vom Flughafen abzuholen manchmal muss man aber auch einen ins Krankenhaus oder zu den Behörden begleiten. Über mangelnde Beschäftigung kann ich mich also nicht beschweren.
Ich bin also wieder da. Diese Realisierung überfällt mich manchmal ganz heimtückisch wenn ich es ganz in Gedanken versunken am wenigsten erwartete. Mein erster Tag war irreal. Irreal auf die Art, dass ich immer verwundert war wenn mich jemand freudestrahlend begrüsste. War ich denn weggewesen? Hatte ich nicht erst gestern mit dir geredet und bin ich diese Strasse nicht letzte Woche gelaufen? Chile hatte sich mir in meinem Jahr Abwesenheit so entfernt, dass ich mir einen viel stärkeren Effekt erwartet hatte. Genau wie ich mich damals in Chile eingelebt hatte, hatte ich mich nun in Deutschland eingelebt, Freunde gefunden endlich die Stadt kennengelernt und fühlte mich wohl.
Ich habe nur noch einen knappen Monat hier, die Zeit vergeht mal wieder wie im Flug! Zum Glück bleibt mir ausgerechet September. Der Monat wo hier die Post abgeht wegen des Nationalfeiertags. Meine einzige Sorge besteht momentan darin einen Weg zu finden um mich vor dem Cueca tanzen zu drücken, dem traditionell chilenischen Tanz der jedem Ausländer viel Gelegenheit gibt sich königlich zu blamieren.
Aber ich kriege es schon noch hin mich dieser Sache zu entziehen und werde mich wohl hinter einer Kamera verstecken.
Liebe Grüsse
Doro
Oh Doro,
Sehr schön geschrieben und genau das Gefühl erfasst, welches auch ich hatte, als ich mit dort war. Ich vermisse dich und die tolle Zeit. Vielen, vielen Dank für das Drängen und Mitreißen! Es war ein großartiges Erlebnis. Um nicht zu sagen eines der Besten im Leben. Muchas gracias y un beso enorme a la distancia! :-*